TF MAPPING

Tunnel Bethaniendamm 57



Zielpunkt: Krankenhaus Fritz Heckert-Straße 64-68
Entdeckung: 19.12.62


Mitte Oktober 1962 stößt die "Gruppe Fuchs" in Kreuzberg auf ein ideales Objekt für einen Tunnel. Ein "abbruchreifes Häuschen" am Bethaniendamm, praktisch leerstehend, eine Tunnellänge von etwa 65 m bis zu einem geeigneten Haus auf der Ostseite, geschätzt wird eine Bauzeit von 14 Tagen. Zwei Finanzierungsquellen wollen die Kosten übernehmen, allerdings erst ab dem ersten Spatenstich.
Am 28.10. werden Fuchs und 6 Studenten im Gebäude von einer Westberliner Streife als Einbrecher gestellt. Nach einer Besichtigung durch den Reviervorsteher und zweier Männer in Zivil dürfen sie weiterarbeiten, am nächsten Tag allerdings wird die Genehmigung widerrufen. "Dank eines befreundeten Dienstes" (Bruchäuser, Seite 2) wird dieses Verbot allerdings wieder aufgehoben. Zu diesen Schwierigkeiten kommt noch Grundwasser ab 1,5m unter der Kellersohle. Aufgrund der Bodenverhältnisse muss abgestützt werden, es findet sich nur eine einzige Firma, die das Holz passend zuschneidet. Der Lieferwagen dieser Firma ist ein Dreirad, das nur durch einen Stammfahrer bedient werden kann. Der muss eingeweiht und mit 50 DM zum Stillschweigen verpflichtet werden.
Am 23.11. 62 werden in Ostberlin 6 Jugendliche und eine ca. 50 jährige Frau wegen Verdachts auf Republikflucht festgenommen. Bei den Vernehmungen wird ein Tunnelbau bekannt, dessen Endpunkt im Osten evtl. das Krankenhaus oder das Schwesternwohnheim Fritz Heckertstr. 64-68 ist. Elfriede A. (47) und Dieter A. (23) bleiben in Haft. Am 24.11.62 wird der Keller des Krankenhauses bzw. wahrscheinlicher des Schwesternwohnheims besetzt, in den folgenden Tagen verstärkt das Haus Bethaniendamm 61 beobachtet. Ab dem 4.12 wird vom Dach des Krankenhauses aus observiert; es wird starker Personenverkehr u.a. von Westberliner Polizei und Zoll registriert und Fotos von den in Frage kommenden Häusern angefertigt, darunter auch von einem freistehden Seitenflügel auf dem Grundstück Nr. 57.








Blick vom heutigen Kinderbauernhof nach Norden auf des ehemalige Krankenhaus. Der Grenzstreifen ist heute eine Grünanlage, die ungefähre Lage des Seitenflügels Bethaniendamm 57 ist in rot eingezeichnet.

Vom 9.12. 62 gibt es einen GM-Bericht; „Uschi“ berichtet über ein Gespräch des Polizeikommissars Alfred Schulze (Pol. Revier 103) mit einem leitenden Offizier der Westberliner Polizei, aus dem hervor geht, dass die Fluchthelfergruppe um Wolfgang Fuchs einen Tunnel vom Haus Bethaniendamm 57/Ecke Leuschnerdamm baut. Finanziert soll der Tunnel aus Westdeutschland werden; die Arbeiten sind vom Senat derzeit gestoppt, der Stopp wäre aber nicht so ernst zu nehmen. Für den 12.-14.12. wird operative Abhörtechnik angefordert.
Am 18.12. ist eine Erdabsenkung gegenüber der Nr. 57 auf dem Grenzstreifen direkt an der alten Kanalmauer festzustellen. Nach Keussler und Schulenburg führte das steigende Grundwasser zum Einsturz. Die Stelle wird von der HA V am 19.12. geöffnet; der Tunnel wird entdeckt. Er war mit einer Lichtleitung ausgestattet und mit Kanthölzern abgestützt. Der Tunnel wird am gleichen Tag noch liquidiert, d.h. in diesem Fall eingeschlämmt und mit Beton verfüllt.
Am 7.2.63 sagen die Beschuldigten S. und A. aus, der Tunnel aus der Nr. 57 wäre von Eberhard Weyrauch und einem Clemens organisiert worden. Die Kellerräume sollen dem Malermeister P. Dallmann aus dem gleichen Haus gehören.

In einer Anlage zu einer "Petition um finanzielle Beihilfe wegen wirtschaftlicher Notlage infolge Fluchthilfe" an den Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen wird von einem der Organisatoren des Tunnels eine Art "Rechenschaftsbericht" vorgelegt. Bis zum 19.12.62 beliefen sich die finanziellen Ausgaben auf 16 732, 79 DM. Abzüglich der erhaltenen Spenden ergäbe sich ein "Schuldendefizit von 3 992,19DM". Auf eine Hilfszusage durch Rainer Hildebrandt wird hingewiesen.

Literautur:
v. Keussler, Schulenburg, 2011, Fluchthelfer: Die Gruppe um Wolfgang Fuchs, Berlin Story Verlag
Akten des MfS: HA I 4253, ZAIG 10754, HA I 4300
Akten des Bundesarchivs: B Rep. 002 Nr. 3658-3659, Petition von Bruchhäuser

Text: Uli Bauer